Das Blutopfer

21. Dezember 2007

Im Gang, im Flur, bis hinaus in den Hof waren die Trommeln aus dem Großraumbüro zu hören. Wellenartig hallten die mächtigen Schläge wie Donnergrollen nach. Im Schneidersitz saß auf dem Boden die gesamte Belegschaft. Zum Takt der Trommeln bewegten sich halbnackte Oberkörper von links nach rechts, berauscht zitterten Arme langsam nach oben, nach unten. Im Chor summten Menschenmassen beschwörend die Titelmusik von Star Trek “Raumschiff Enterprise”.
Hastig kam der Administrator herein, zog sein Hemd aus und setzte sich dazu. Es roch nach frischem Schweiß. Sein Nachbar reichte ihm ein Bier und einen Joint. Er nahm einen kräftigen Zug und ließ das Geschehen auf sich einwirken. Schon nach kurzer Zeit bewegte sich sein Körper automatisch wie die anderen und er summte das mächtige Lied. Langsam begann er, sich als Teil des großen Ganzen zu fühlen, als winziges Teil in einem riesigen Organismus. Karton für Karton wurden an der Stirnseite des Raumes all die Weihnachtskarten von Lieferanten und Kunden verbrannt, doch alles was er noch wahrnahm, waren Schattierungen von Rot und Feuer.
Wie in Ekstase tanzte der Buchhalter nach vorn. Sein gesamter Rücken war mit einem rituellen Tattoo der Maori bedeckt, sein Ohr noch vom letzten Blutopfer zerfetzt und sein kahlrasierter Kopf zuckte wie wild. Rastlose Blicke gingen irgendwohin, wohin ihnen niemand folgen konnte. Dies war ein mächtiger Ort und mit jedem Tanz, mit jeder Beschwörung bekam er mehr Macht.
Ab und an war der Administrator neidisch auf seinen Job gewesen, aber jetzt würde er um nichts in der Welt mit ihm tauschen wollen. Zu groß war der Schmerz, der jetzt kommen würde, zu groß die Angst vor den Göttern.
Kraftvoll steigerten sich die Stimmen zum letzten Finale, die Trommeln wurden immer lauter, bis man beides nicht mehr auseinanderhalten konnte. Dann kehrte Stille ein.
Mit einem tiefen Bass begann der Buchhalter zu sprechen. “Das Internet – unendliche Weiten. Dies ist mein Blutopfer für all unsere Mitarbeiter, die in jedem Winkel des Internets viele Jahre unterwegs sind, um neue Sicherheitslücken zu bekämpfen, Trojaner und neue Exploits. Ich rufe jetzt bei Mitarbeitern des Finanzamtes an, mit denen noch nie ein Mensch zuvor gesprochen hat.
Der Mob begann zu toben, alle begannen wie wild zu schreien. Aus dem ohrenbetäubenden Geschrei formte sich langsam ein Sprechchor: “Blutopfer! Blutopfer! Blutopfer!”
Mit dem Rücken nach oben wurde der Buchhalter auf seinen Schreibtisch gefesselt. Die Augen weit aufgerissen, verstummte er. Vermummte Mitarbeiter zogen seine Zunge heraus und banden sie fest. Gemessenen Schrittes trat eine weitere, dunkle Gestalt an den Schreibtisch und blickte in die Runde. Schlagartig verstummten Stimmen und Trommeln. Alle Augen richteten sich nach vorn. Die Gestalt nahm den Brieföffner vom Tisch des Buchhalters und hielt ihn hoch, zeigte ihn nach allen Seiten. Danach stieß sie ihn langsam durch die Zunge des Buchhalters, der sich aufbäumte und dumpfe Schmerzenslaute von sich gab. Doch damit nicht genug der Folter. Ein mit Dornen besetztes Seil wurde durch die frische Wunde gezogen, so daß der Wehrlose wahnsinnig vor Schmerz wurde. Nur in diesem Zustand würde er mit den Göttern sprechen können. Mit normalen Sterblichen redeten sie niemals, nur ihm, dem Auserwählten, würden sie sich offenbaren.
Schließlich band man ihn los.
Er konnte kaum noch stehen, sackte wieder und wieder zusammen – niemand half ihm. Er schaffte es, sich bis zum Telefon zu schleppen und wählte. Mit einer fremden Stimme, die nicht mehr menschlich klang, begann er zu sprechen. “Haljo?” Aus der Menge gab es Schreie: “Auf Freisprechen schalten! Freisprechen!” Mit einem Blick in die Menge, der jedermann erschaudern ließ, schaltete er auf Freisprechen. Tatsächlich hörte man plötzlich die andere Stimme. Kalt lief dem Administrator eine Gänsehaut den Rücken herunter. Zu furchtbar klang Göttin: Kalt, grausam, als ob sie gestört würde. “Finanzamt, Meier, hallo?” Nun lag alles beim Buchhalter, er allein trug jetzt die Verantwortung, sie alle zu retten. Kaum zu verstehen waren seine Worte, nicht nur wegen seiner Zunge, nein. Er sprach jetzt in der fremden, unverständlichen Sprache der Götter. “Um…sabtz..steuer…bvor…amdunk.” Tief atmete er durch, bezwang den fürchterlichen Schmerz und setzte nocheinmal an. “Abf..gabe…termin.”
Kaum hatte er zu Ende gesprochen, kam die Antwort: “Sie schaffen den Abgabetermin für die Umsatzsteuervoranmeldung nicht?”
Das Gesicht des Buchhalters verzog sich zu einer Grimasse. Deutlich sah man ihm an, daß auch er Angst hatte. “Pfrist… Verlängung.” Er versuchte es nocheinmal. “Frist… Pferlängerung.”
Die Stimme der Göttin Meier klang gereizt. “Eine Fristverlängerung? Für die Umsatzsteuervoranmeldung?” Doch der tapfere Buchhalter schlug sich wacker. “Kraank. Schmeerzen.”
In der Leitung raschelte es. “In Ordnung. Sie kriegen das noch schriftlich, dann ist der Abgabetermin der…”
Der Rest ging im Jubel der Massen unter. Die Menschen umarmten sich und feierten. Man nahm den Buchhalter auf die Schultern und trug ihn durch die Menge. Die Gefahr war gebannt und er allein hatte alle gerettet.

Unsinn | Kommentare Zum Seitenbeginn springen

2 Kommentare zu “Das Blutopfer”

  1. 01

    hehe – sehr guter zeitpunkt um ueber eine lohnerhoehung zu verhandeln ^^ :)

    greetz

    ikke

    buchhalter am 21. Dezember 2007 um 18:52
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  2. 02

    Moment mal. Wie es aussieht, habe ich hier ein Wort in der Filterliste für Kommentar-Spam vergessen: “Lohnerhöhung” !

    sirko am 21. Dezember 2007 um 22:32
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