Verhör

17. Januar 2008

Jeden Morgen brauchte der Administrator wie all seine Kollegen zwei Espresso. Doppelte. Den Mantel anzuhängen und sofort wortlos in die Küche zu schlurfen war ein Ritual, das sich jeden Tag wiederholte. Danach warf er einen kurzen Blick auf das Monitoring, seine Mails und der Support traute sich, ihn anzusprechen. Blubber blubber bla bla, alle Probleme, die er sofort lösen konnte, hatte er schon vergessen, wärend er antwortete. Alle anderen mußten warten.
Dieser Tag versprach ein besonders mieser Tag zu werden. Die Buchhaltung wollte von ihm einen Export der passiven Rechnungsabgrenzung. “Perl sollte Teil jeder Buchhaltungs-Ausbildung werden” dachte er grimmig, während sein Kollege, auch Administrator hereinkam. Der sah ziemlich erholt aus. “Wirklich wieder gesund? Los, holt den Virenscanner!
Sein Kollege lachte. “Nach zwei Tagen zu Hause hab mich so auf den Kaffee hier gefreut, da kann man gar nicht lange krank bleiben!
Er setzte sich an den Schreibtisch direkt vor dem Eingang zum Serverraum. Trotz der schallgedämmten Stahltür erfüllte ein gleichmäßiges Surren und Brummen das gesamte Büro. Gleich zwei Sicherheitslücken waren am Tag zuvor für FreeBSD gemeldet worden, alle betroffenen Server mußten jetzt schnellstmöglich geupdatet werden. Als der Kollege seinen Latte Macchiato ausgetrunken hatte, stand er voller Tatendrang auf und ging in den Serverraum. Eine Weile hörte man ihn rumoren, plötzlich begann er zu reden, obwohl er dort allein war. Irgendwie klang seine Stimme fremdartig. Dann begann er zu schreien, aber in einer fremden Sprache, die niemand verstand.
Alle im Büro sahen sich verwundert an, standen langsam auf, um nachzusehen, da riß der Kollege die Stahltür auf. Wie ein Bär vor dem Angriff stand er da im Türrahmen, hob den Kopf und blickte in die Runde. Seine Lippen verzogen sich zu einem wilden Grinsen: “Wissu Penisvellängelung? Gaaaanz billich!” Er ging von einem zum anderen und sprach hektisch in Englisch weiter: “Congratulations! Congratulations! Congratulations! The prestigious Microsoft…
Alle sahen sich an. Als das Wort “Microsoft” fiel, faßten und knebelten Sie ihn. Ganz offensichtlich wurde er von Spammern mißbraucht, daher rief man jetzt wirklich den Virenscanner. Mit seinem schwarzen Hut und seinem Stock sah dieser aus wie ein Jahrmarks-Zauberer, hatte aber den eiskalten Blick eines Inquisitors. Er verlangte, ungestört mit dem Kollegen allein gelassen zu werden. Als man beide in ein Zimmer bringen wollte, riß sich der Kollege los, schrie laut “Viagla!” und verschwand auf Nimmerwiedersehen.

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Schreie aus dem Serverraum

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