Das Wunder

24. Januar 2008

Einmal in der Woche kommt eine recht wortkarge, einfach gekleidete Frau und bringt es uns. Hält man es in der Hand, wird man überrascht durch die feine Faser, hauchdünn, so daß man fast hindurch schauen kann. Es erinnert an Seide, die man allerdings noch nie in einem so aufregenden Grau gesehen hat. Man denkt sich, ein einziger Windhauch, und schon beginnt das Material zu reißen, es ist nämlich nicht gesponnen, sondern als Vlies auf einem Sieb getrocknet. Auf seiner Oberfläche zeichnet sich eine feine, regelmäßige Struktur ab, es sieht so zart aus. So dünn. Man traut sich kaum, es anzufassen, dieses Wunderwerk moderner Papierforschung.
Tut man es dennoch, erkennt man die andere Seite der Medaille. Der erste Eindruck täuscht gewaltig, die Oberfläche ist rauh wie sechziger Schleifpapier. Es muß kostbar sein, unendlich kostbar. Wie eine Raupe sich durch Gift ihre Feinde vom Leib hält, schützt sich dieses Papier mit der Oberfläche einer Feile vor der Benutzung. Hat man zufrieden sein Geschäft erledigt, faßt man nach rechts und reißt es ab um sich abzuwischen. Doch mitten in der gewohnten Bewegung muß man plötzlich innehalten und kommt nicht umhin, sie zu bestaunen, diese filigranen Lichtspiele zwischen den mikroskopisch kleinen Fibrillen. Um sicherzugehen, nimmt man mehrere Lagen, setzt an und -
Der plötzlich aufkommende, grausame Schmerz fühlt sich an wie das Brennen aufgeriebener Hände nach einem Sturz bei hoher Geschwindigkeit auf Beton. Wie kann so ein Hauch von Papier, so etwas Zartes, so etwas Edles eine solche Härte besitzen?
Und wo zum Geier ist unser normales Klopapier hin?

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