Wiki[m|p]edia begreift das Problem nicht

6. November 2009

Das was gerade bei Wikipedia so große Wellen schlägt, passierte eigentlich schon oft. Hierarchische monolithische Strukturen treffen auf selbst organisierende, in denen sich nach Bedarf kleinere Arbeitsgruppen mit eigenen Hierarchieren bilden und genau so schnell wieder zerfallen oder neu organisieren. Der Ansatz, aus der erfolgreichen, bisher selbst organisierenden Wikipedia zunehmend ein solch monolithisches hierarchisches Modell zu machen, trifft natürlich an vielen Stellen auf Widerspruch und Ärger. Das Relevanz-Problem ist nur der Anlaß, nicht die Ursache. Und das Problem an sich ist nicht neu, sondern uralt.
Im Falle Wikipedia haben Wenige etwas für den Rest der Welt beschlossen, nämlich das System der Qualitätssicherung. Von oben herab. Das ist an sich empfinden viele Nerds schon als einen Schlag ins Gesicht. Dazu kommt eine restriktive Informationspolitik, Diskurse werden plötzlich hinter verschlossenen Türen geführt, unliebsame Pressevertreter erhalten Hausverbot. Die Löschung von “irrelevanten” Artikeln war da nur der Zündfunke.

Wie konnte es dazu kommen?

In den letzten Jahren war die Wikimedia Foundation immer stärker dazu gezwungen, sich zu professionalisieren. Der organisatorische und technische Aufwand wurde immer größer und um den Laden zu schmeißen brauchte man natürlich Leute, die qualifiziert genug waren. Dummerweise stellte Wikipedia selbst aber etwas Neues, eine neue Form der Selbst-Organisation dar, es gab hier noch keine Kriterien zur Bemessung der geeigneten Qualifikation.
Was hat man da gemacht? Man griff auf Kriterien zurück, die im Rest der Welt angewandt werden: Man holte sich Leute mit Titeln und Abschlüssen ins Boot, die gelernt hatten, sich in den herkömmlichen hierarchischen Strukturen zu bewegen und mit ihnen umzugehen. Wikimedia hatte da auch gar keine andere Wahl. Dummerweise zeigt sich jetzt, daß solche Leute natürlich ihren Job machen wollen, wie sie es gelernt haben. Und der sieht so aus, daß sie den Laden nach ihren Vorstellungen umstrukturieren. Diese Leute sind es gewohnt, über andere zu entscheiden und sind geprägt vom festen Glauben an die Möglichkeit zur allumfassenden Beschreibung ihres Systems. Dummerweise ist Wiki[m|p]edia ein offenes System, damit ständig äußeren Einflüssen ausgesetzt. Jede Beschreibung des Systems Wiki[m|p]edia ist damit von vorneherein unvollständig und enthält viele Systemfehler.
Systemfehler werden in jeder Struktur, egal ob in Politik, in der Wirtschaft oder im Ruderverein immer von Dritten mißbraucht werden, um Geld, Macht und Einfluß zu gewinnen. Selbst die kleinen Wikipedia-Blockwarte werden ihr bischen Macht nicht wieder freiwillig abgeben.
Die Ausmerzung von Systemfehlern ist in bereits korrumpierten, hierarchischen Systemen nahezu unmöglich. Ein Systemwechsel ist einfacher, macht einen Fork.

Allgemein | Kommentare Zum Seitenbeginn springen

Ein Kommentar zu “Wiki[m|p]edia begreift das Problem nicht”

  1. 01

    Hi Sirko,
    würde mich freuen, wenn du mal bei Twick.it vorbeischaust. Wir haben eine Mini-Enzyklopädie gestartet, bei der allein die Nutzer über Relevanz entscheiden. So wollen wir den Edit War von Wikipedia vermeiden.

    Youser am 6. November 2009 um 17:07
    Zum Seitenbeginn springen