Komplexe Systeme

8. Januar 2010

Ich werde oft nach meinen politischen Ansichten gefragt. Warum ich mich nicht aktiv in einer Partei engagiere. Darum gibts jetzt mal ein paar Zeilen dazu. Egal, was man betrachtet, lohnt es sich meist, ein paar Schritte zurück zu gehen und den Blick aus größerer Entfernung nocheinmal darauf zu richten.

Parteien, Staaten, Konzerne uvm. sind komplexe, offene Systeme. Was gerade mit diesen jungen Systemen passiert ist nicht mehr als Evolution im Anfangsstadium. Wie Tiere um Nahrung, wetteifern die vielen unterschiedliche Systeme – egal ob in der Politik oder in der Wirtschaft – um Ressourcen. Mit unterschiedliche Strategien. Erfolgreiche Systeme wachsen, weniger erfolgreiche gehen in ihnen auf oder verschwinden einfach. Ideologie ist da völlig fehl am Platz.

Was passiert aber, wenn nach langem Wettbewerb nur ein globales System übrig bleibt? Wird es sich weiterentwickeln? Welchem Zweck wird es dienen, so ganz ohne Wettbewerb? Wird es Allen dienen oder nur Wenigen? Wird es überhaupt noch einen Zweck haben? Klar ist jedenfalls, dass seine Größe durch die Menge der verfügbaren Ressourcen begrenzt wird.

Was wir brauchen, sind grundlegende Regeln für komplexe Systeme. Wir müssen uns darüber klar werden, dass so wie wir nicht mit einer einzelnen Zelle aus unserem Körper kommunizieren, komplexe Systeme nicht mit uns kommunizieren. Sie sind da, von uns geschaffen, sie haben die Macht und wir kommen nicht hinterher, ihre Funktionsweise zu erforschen. Wir schafften es bisher ja nicht einmal, ihre Schnittstellen und die Wechselwirkungen zu erfassen, denn wie schon gesagt sind es offene Systeme, die man nicht allumfassend beschreiben kann und eine wesentliche Eigenschaft von komplexen Systemen ist die Möglichkeit zur Anpassung an sich ändernde Parameter.

Die Soziale Marktwirtschaft ist Geschichte. Unsere Großeltern und Eltern hatten eben noch keine Vorstellung davon, welchen Selbsterhaltungstrieb solche Systeme entwickeln, selbst wenn von deren Funktion nur noch eine Karikatur des ursprünglichen Zweckes übrig bleibt. Warum sollte ich mich in der Politik engagieren? Je komplexer ein System, deste mehr Systemfehler beinhaltet es. Die parlamentarischen Demokratie wurde und wird immer mehr durch systematische Ausnutzung solcher Fehler korrumpiert und ist bereits in weiten Teilen unter der Kontrolle anderer Systemen z.B. aus der Wirtschaft. Mit der Globalisierung nahm die Größe der Systeme zu, gleichzeitig verringerte sich die Bedeutung der kleinsten Bestandteile: den Menschen.

Systeme an sich kennen keine Ethik und keine Moral, bilden mit entsprechenden Regeln aber ganz sicher ethische und moralische Prinzipien ab. Moralische und ethische Vorstellungen sind örtlich und kulturell nicht nur sehr verschieden, sondern ändern sich auch ständig. Systeme agieren inzwischen über Ländergrenzen hinweg, daher sind Konflikte zwischen Menschen und Systemen ganz natürlich.

Die Chance, als Individuum etwas zu bewirken, sind allerdings denkbar gering: Komplexe Systeme entwickeln mit der Zeit Mechanismen, die Schadwirkung kleiner Teilsysteme – einer einzelnen Person wie mir sowieso – effektiv zu begrenzen. Darum glaube ich auch nicht an parlamentarische Demokratie, sondern habe mein eigenes kleines System – bytecamp – gebaut, in dem ich ausschließlich von Freunden umgeben, stolz und glücklich bin, dessen Funktion ich zu großen Teilen noch verstehe und das trickreich vor dem Gefressenwerden durch größere Systeme geschützt wird.

Meine Hoffnung liegt darin, dass inzwischen auch die Forschung anfängt, mit Agenten-Systemen (für die übrigens ganze Rechenzentren gebaut werden) neue Systeme unten nach oben neu zu entwerfen, zu testen, zu optimieren und nicht nur unsere willkürlich gewachsenen politischen Systeme, deren Teilsysteme und ihre Wechselwirkung mit anderen Systemen untersucht.
Die wichtigste Frage in diesem Zusammenhang ist wohl der Zweck dieser neuen Systeme. Der größtmöglichen Anzahl von Menschen das bestmögliche Leben zu bieten? Das wäre doch mal was Neues.

Bis dahin schaue ich gelassen zu, wie Wenige die Systeme immer größer und komplexer machen, um sich ihre Einflußnahme zu sichern, wie Barrieren gegen neue und konkurrierende Systeme errichtet werden. Warum sollte ich mich darüber aufregen? Wie in der Evolution nicht lebensfähige Organismen aussterben, werden nicht funktionierende Systeme untergehen. Der Zweck von Systemen ist nur ein Parameter. Und der wird sich im Lauf der Zeit ganz sicher nicht nur viele Male, sondern ständig ändern.

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Ein Kommentar zu “Komplexe Systeme”

  1. 01

    Ein hervorragender Artikel!
    Sollten die Nichtwähler mit diesen Hintergedanken den Gang zur Urne verweigert haben besteht noch Hoffnung.
    Weiter so!

    Briege am 11. Januar 2010 um 20:27
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