Radio klingt schlecht. Warum?
15. Januar 2010
Gestern ist mir das seltene Glück zuteil geworden, ein neues Lieblings-Album zu finden. Es stammt aus dem Jahre 1971 und ist für Verstärker, Boxen und eventuelle Nachbarn eine echte Herausforderung. Zwar verfügt Vinyl nur über einen nutzbaren Dynamik-Bereich von rund 40 dB, dieser wurde von George Duke aber damals auch genutzt. Ganz im Gegensatz zu den Hörgewohnheiten, die wir trotz der CD in den letzten paar Jahrzehnten entwickelt haben – leider.
Was ich damit meine?
Sicher kennt Ihr das Phänomen, dass die Lautstärke im Fernsehen oder Radio manchmal sprunghaft ansteigt, nämlich mit dem Beginn der Werbung. Irgendwelche Werbefuzzies verbreiten seit langer Zeit das Mantra, dass die Wirkung der Werbebotschaft mit der gefühlten Lautstärke steigt. Und was machen die Werbespot-Produzenten darum? Sie bearbeiten ihr Audio-Material so intensiv mit Kompressoren, dass die Lautstärke im Milisekunden-Bereich auf Maximalpegel angehoben wird. Es gibt also kaum Lautstärke-Unterschiede mehr, auch nicht zwischen leisen und lauten Stellen. Die Dynamik ist futsch, sie liegt bei nahe Nullkommanix dB.
Ich will Kompressoren nicht verteufeln. Sie sind wichtig, ohne sie wäre populäre Musik nicht denkbar.
Aber Mischen mit hohen Kompressionsraten ist sehr bequem, mit den Jahren wurde auch in der Musik mit immer höheren Kompressionsraten gearbeitet und das Schlimme: Wir haben uns daran gewöhnt, leise Stimmen nur noch durch den anderen Klang und nicht an tatsächlich geringerer Lautstärke zu idendifizieren. Ich meine, dass ein Flüstern in einem Song genau so laut ist wie der Gesang im Refrain. Es ist ja auch verständlicher, klar.
Das wirklich Üble daran ist auch gleichzeitig der Grund, warum ich kein Radio höre. Irgendwann ergab eine Studie, dass Autofahrer auf der Suche nach einem Sender die lautesten Sender bevorzugen. Und was machten die Radiostationen da?
Richtig.
Sie installierten Multiband-Komressoren, die jedes Band (untere und obere Bässe, u+o Mitten und u+oHöhen) separat komprimieren – also das Lautstärke-Verhältnis von diesen Bändern zueinander ständig verschieben. Das ist übrigens der Grund, warum eher selten Rockmusik im Radio läuft, hier wirkt sich der Effekt so übel aus, dass selbst Ton-Legasteniker vom Klang angewiedert werden (und Metal-Fans nur noch den Kopf schütteln, ha ha ha). Doch damit nicht genug. Irgendwann setzten die Radiosender noch einen drauf und installierten Stereo-Basis-Verbreiterer. Damit werden die für die räumliche Ortung wichtigen Frequenzanteile in den unteren Mitten von links genommen, phasenverdreht, der rechten Seite hinzugefügt und andersherum. Im Auto klingt das unglaublich breit, man kann allerdings auch nichts mehr richtig orten.
Damit will ich meine Aussweifungen aber auch beenden und zurück zu George Duke mit seinem Album “The Inner Source” kommen.
Vorneweg: Wenn Deine Anlage nichts taugt, wird das Album Dir Deine Boxen zerschießen. Das ist kein Scherz.
Die erste Überraschung kommt, wenn Du die Lautstärke auf etwa das Vierfache des sonst übliche Maximalpegels stellen musst. Wenn Dein Verstärker nicht viel mehr Leistung als Deine Boxen hat: Pech gehabt. Du kannst dieses Album nur leise hören. Die zweite Überraschung ist, dass Rauschen nicht unbedingt stört. Die Dritte ist, dass nicht nur Bässe, sondern auch untere Mitten so richtig knallen können. Falls diese Überraschung ausbleibt, liegt das an Deinem zu langsamen Verstärker. Die Vierte ist, dass Deine Nachbarn nicht bei Dir klingeln, obwohl sie sich mit Sicherheit höllisch über die Lautstärke aufregen. Die Musik ist einfach so dermaßen abgedreht, dass sie einschüchternd wirkt. Es wird niemand bei Dir klingeln, dank der großen Dynamik sind auch nur einige Stellen laut. Aber wenn, dann auch so richtig.
“The Inner Source” ist ein Jugendwerk, wild, herrlich experimentell und dabei sehr sehr intelligent. Einige Titel erinnern an Minimal Techno, andere erhöhen die Wahrscheinlichkeit für Schwangerschaften, andere sind einfach nur cooler Jazz. Unter allem liegt eine tiefe Melancholie wie bei “The City” von Vangelis. Der Klang ist völlig typisch für diese Zeit, wenig Höhen, viel Mitten, der Bass mal leise, mal laut. Und so etwas war ich schon gar nicht mehr gewohnt.
Einfach nur wunderbar. George Duke “The Inner Source”.

