Vertreterbesuch

16. Juni 2008

Eigentlich hätte er wissen müssen, daß das kein seriöser Besuch werden konnte, als sein Gegenüber am Telefon seine Stimme verstellte, um eine Sekretärin vorzutäuschen. Nun ja, nun war der Termin gemacht und der Vertreter würde gleich kommen. Als Chef war er auf solche Typen vorbereitet, er kannte Ihre Strategie: Besoffen quatschen, Angst machen, zu sofortigem Vertragsabschluß drängen, nichts Schriftliches zum Vergleichen da lassen.
Als eine alte AMG-S-Klasse mit Alufelgen auf den Hof fuhr, wußte er schon, daß er es sein mußte. Kurz darauf kam ein Kollege ins Büro: “Da war gerade ein Suffi im Armani-Anzug mit ner Mordsfahne im Fahrstuhl!
Es klopfte. Ein unrasiertes Gesicht mit fettigen Haaren lugte vorsichtig durch die offene Tür. Es roch plötzlich nach einer Mischung aus Schweiß und Alkohol. Kumpelhaft fragte eine dröhnende Stimme:
Ick hatte ‘n Termin mittem Chef, issa da?
Der Chef stand auf und ging durchs Großraumbüro nach vorn. Das Gesicht des Vertreters verzog sich zu einem breiten Grinsen:
Mann habt Ihr datt schön hier! Sehen edel aus, die Möbel! Euch jehts jut, wa?
Laßmiranda Ddennsiwillja, die Sekretärin unterbrach das Ritual des Bauchpinselns mit der obligatorischen Frage nach einem Kaffee.
Aber jerne!
Mit Zucker?
Nein danke, ich bin süß genug, Hehehe Hehehehehehe!
Der Vertreter klopfte sich erst lachend auf die Schenkel und dann der Sekretärin auf den Hintern.
Jaaa, wirklich nett habt Ihr es hier!
Verstört kam sie mit zwei Kaffee und etwas Gebäck zurück. Doch Hilfe suchte sie beim Chef vergeblich: Geschäfte zu machen erforderte ein flexibles Rollenverhalten und er sprang daher sofort auf den Zug auf:
Laßmiranda, für mich bitte zehn Stücken Zucker, aber nicht umrühren, ich mag nicht so süß!
Der Vertreter und der Chef brüllten los. Dann holte der Vertreter einen Flachmann aus dem Jackette und kippte sich einen Schuß in seinen Kaffee. Sein Gesicht wurde ernst.
So, jetz musste mir aber erstma erklärn, watta hier eijentlich macht.
Der Chef räusperte sich.
Unser Kerngeschäft ist Webhosting. Außerdem bieten wir noch Serverhousing…
Der Vertreter unterbrach ihn: “Ahh, Computer und so?
Ja.
Na zum Glück hab ick jemanden mitjebracht, der schon ville Leute vor großem Schaden durch dumme Fehler bewahrt hat.
Der Vertreter zog eine Kasperle-Puppe aus seiner Tasche und steckte sie sich auf die Hand. Unerwartet entpuppte er sich als passabler Bauchredner:
Hallo, ich bin der Kasperle! Ich bin bei Dir angestellt! Wußtest Du, daß auf meinem Arbeitsplatz lauter geklaute Programme installiert habe?
Der Vertreter schüttelte den Kopf. Schnell nahm er noch einen Zug aus seinem Flachmann und schimpfte mit der Puppe:
Sach ma, biste denn wahnsinnich! Dafür haftet Deine Firma, wußteste ditt?
Der Chef versuchte mit einem Einwand über ein bestehendes Windows-Verbot und die Benutzung von Open Source Software dagegenzuhalten, doch der Vertreter mit seiner dröhnenden, lallenden Stimme übertönte ihn.
Und eherst letzte Woche iss de Firma von nem Bekannten pleite jejangen, weil se dajejen nich versichtert waren.
Bevor der Chef antworten konnte, meldete sich wieder der Kasperle zu Wort, hielt den Kopf schief und schimpfte mit dem Vertreter. Komischerweise lallte die Puppe nicht.
Du läßt den Mann ja gar nicht zu Wort kommen! Und überhaupt, Das bist ja gar nicht Du, der da spricht! Aus Dir spricht nur der Alkohol!
Überrascht sah der Vertreter den Kasperle an. Mit zunehmender Erregung in der Stimme sprach die Puppe weiter:
Wußtest Du, daß Du nicht nur Deinen Führerschein mit dieser Sauferei riskierst, sondern auch Deine Geschäfte torpedierst?
Der Vertreter schwieg. Die Stimme des Kaspers überschlug sich:
Du bist ein Egoist, denkst überhaupt nicht über die Folgen Deines Handelns nach!
Mit zitternden Händen griff der Vertreter wieder nach dem Flachmann und bot ihn dem Kasper an. Der nahm einen kräftigen Schluck.
Danke.
Kasperle nahm noch einen weiteren Schluck und wurde schlagartig ruhig.
Entschuldigend wandte sich der Vertreter an den Chef, er wirkte müde:
Verzeihung. Das ist nicht immer ein leichter Job. Gestern abend wollte ich einfach nur eine Mücke erschlagen, dabei hat mir Kasperle den Kiefer ausgerenkt und ich habe einen Tinnitus bekommen. Heute hänge ich deswegen auch etwas durch.
Verständnisvoll nickte der Chef und blickte den Vertreter an. Dessen Kopf sank plötzlich zur Seite und er begann leise zu schnarchen.
Der Kasper schreckte auf, sah erst zum Chef, dann zum Vertreter und übergab sich.

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