Der Test für Praktikanten
15. Juni 2010
Zaghaft klopfte der Praktikant an die Tür.
Drohend, langsam wie in Zeitlupfe gesprochen kam von drinnen die Antwort: “Herein!”
Innen war alles schwarz. An der Decke warf ein Spot senkrecht einen blauweißen Kreis auf den Boden. Dahinter stand ein Schreibtisch aus massivem Ahorn, an ihm saß der Administrator, umringt von riesigen Monitoren, die wie Mauern einer Festung wirkten. Er blickte dem ängstlich eintretenden Praktikanten ohne Unterlaß direkt in die Augen. Als dieser vor dem Kreis stehen blieb, schrie er ihn an:
“Weiter!”
Unsicher, was gemeint war, blickte der Praktikant auf.
“Stell dich nicht dumm, los, weiter in das Licht!”
Als er im Licht stand, holte er tief Luft. Der Administrator schob ihm eine Rolle CAT5-Kabel, ein paar RJ45-Stecker und eine Crimpzange herüber.
“Du crimpst jetzt die LART-Peitsche für deinen eigenen Einstellungstest! Nimm acht Kabel, einen Meter lang. Von jedem Kabel nimmst Du an einem Ende vier Adern, an die jeweils ein Stecker kommt. Los!”
Während der Praktikant, fast noch ein Teenager, crimpte, blätterte der Administrator in Unterlagen.
“Du heißt also Marcus! Wie der römische Kaiser Marcus Aurelius. Weißt Du, was der einmal gesagt hat?”
Er machte eine Pause, nahm dem Praktikanten das Kabel aus der Hand und prüfte dessen Belegung. Angstvoll blickte der Praktikant kurz auf und schüttelte den Kopf. Ohne Marcus dabei auch nur angesehen zu haben, gab der Administrator ihm das Kabel zurück und fuhr leise, fast beschwörend mit seinem Monolog fort:
“Die Menschen sind füreinander da. Also belehre oder dulde sie.”
Er stand auf und ging um den Praktikanten herum, der inzwischen vor Aufregung heftig atmete. Er beugte sich herunter zu seinem Ohr und flüsterte:
“Was Mark Aurel einmal gesagt hat, spielt an diesem Ort aber absolut keine Rolle.”
Fieberhaft crimpte Marcus die Kabel. Um ihn herum wanderte der Administrator ohne ein Wort, er hörte nur seine Schritte, von links nach hinten wandern, von rechts, von vorn – minutenlang. Schließlich waren die Kabel fertig.
“Nimm noch ein Stück Kabel, Marcus. Binde damit auf einer Länge von neunzehn Zoll die vier Kabel am Ende ohne Stecker fest zusammen. Das wird der Stiel, er muß sehr fest sein.”
Der Praktikant gehorchte. Schließlich war die Peitsche fertig und der Administrator wog sie prüfend in der Hand.
“Jetzt können wir beginnen. Fangen wir mit der wichtigsten Frage an. Warum bist Du hier, Marcus?”
“Ich will ein Praktikum machen.”
Hart schlug der Administrator zu. Die Netzwerkstecker an den Enden der LART-Peitsche verursachten kleine Risse im T-Shirt des Praktikanten und kleine Wunden an den Armen.
“Unzureichende Antwort! Sieh mich an, das ist doch eine ganz einfache Frage: Warum bist du hier?”
“Ich will später mal Informatik studieren.”
“Unzureichende Antwort!” Erneut schlug er mit der Peitsche zu.
“Sieh her, ich stelle Dir eine genaue Frage und will eine genaue Antwort, kein Geschwafel, aus dem ich mir irgendeine Antwort zusammenreimen soll! Warum bist Du hier?”
Marcus begann zu schluchzen.
“Ich… ich will einen Einblick gewinnen… von den Aufgaben… die mich in meinem späteren Berufsleben erwarten.”
“Völlig unzureichende Antwort! Du versteckst dich hinter leeren Phrasen! Kannst du nicht selbst denken, hast du keine eigenen Worte? Leute wie du sollten lieber BWL studieren, du wirst bestimmt ein prima Powerpointer fürs Bullshit-Bingo! Ich frage dich jetzt ein letztes Mal: Warum bist Du hier?”
Weinend brach Marcus zusammen. In diesem Moment kam der Supporter herein. In Sekundenbruchteilen erfaßte er die Situation. Mit einem strafenden Blick schaute er kurz zum Administrator und fragte dann sanft:
“Wie heißt Du, junger Mann?”
Der Praktikant schluchzte nur.
“Er heißt Markus.” Der Administrator setzte sich hinter seinen Schreibtisch und begann, auf der Tastatur herumzuklimpern. Der Supporter wandte sich wieder zum Praktikanten.
“Markus, weine nicht. Er versucht, dich auf etwas vorzubereiten. Körperlicher Schmerz ist das kleinere Übel. Er wird dich härten. Ich zeige Dir einmal, was ich meine.”
Er verließ der Raum, der Praktikant saß stumm auf dem Boden und wischte sich die Tränen aus den Augen. Der Supporter kam zurück, klappte einen Laptop auf und setze sich ein Headset auf.
“Hör genau zu, Markus, mein Freund. Die Dinge sind nicht so, wie sie scheinen. Ich werde jetzt einen Anruf von unserer Hotline beantworten, ich werde mit einem K-u-n-d-e-n” – er zog das Wort in die Länge, “telefonieren.
Fortsetzung folgt.

