Warum ich es nach zwei Pleiten nochmal versuche?

By | 7. November 2011

In einem meiner letzten Beiträge schrieb ich, dass ich ein drittes Mal versuchen werde, ein Tonstudio aufzumachen. Ein Großteil von meinem Umfeld reagierte verstört. Bis auf sehr Wenige, die mich schon sehr lange kennen. Schon als junger Teenager war ich Unternehmer, wenn auch nicht gerade erfolgreich. Die wichtigsten Eigenschaften, die man als Unternehmer braucht, sind die, mit Gegnern seiner Unternehmungen umgehen und andere Menschen für sein Vorhaben begeistern zu können. Dazu gehört, Ihren Ideen und Argumenten zuzuhören und Manipulationen zu sabotieren. In den letzten Jahren habe ich einige Experimente sozialer Natur gestartet, die Sternkieker BRB und später Freifunk BRB. Ziel bei beiden Projekten war es, sie so weit mit Struktur zu versehen, dass sie sich selbst überlassen funktionieren. Das hat funktioniert bei den Sternkiekern (Hobby-Astronomen) – mittlerweile rund 35 Leute – die seit sechs Jahren Vorträge und Treffen selbst organisieren. Und hat nicht funktioniert bei den Freifunkern. Das Hauptprobem war dabei nicht die Menge von 700 Teilnehmern – davon betreuen wir ein Vielfaches im bytecamp sehr erfolgreich – sondern der Ansatz: “Ihr bekommt Internet umsonst.” Das zog größtenteils nur Leute an, die Geld sparen oder Profit machen wollten, ohne sich selbst mit einzubringen. Natürlich gibt es Ausnahmen: Ich bin stolz auf alle Aktivisten, die noch dabei sind! Dazu torpedierte ein Jahr später die Urheberrechts-Industrie-freundliche Gesetzgebung das Freifunk-Projekt mit dem Problem der Störerhaftung. Aber in beiden Fällen war die Anzahl der Leute, die wirklich dauerhaft aktiv mitarbeiten wollten, sehr überschaubar: Ein bis zwei Personen. Vergleichen wir doch mal die Zahlen: 35 und 700. Eine Relativitäts-Gleichung erübrigt sich wohl.
Für mich ergibt sich daraus nun zwanglos: Wenn Du etwas wirklich machen willst, such Dir einen oder wenige Mitstreiter und mach es ungeachtet aller Gegenstimmen.

Um mein Vorhaben, ein Tonstudio zu betreiben, umzusetzen, bedarf es einer erheblichen finanziellen Investition. Und ich stelle fest, dass die Einzigen, die verstehen, warum ich das vielleicht machen werde, warum ich das finanzielle Risiko – ohne Aussicht auf Profit – eingehen werde, dass gerade die selbst Unternehmer sind.
Es geht nämlich nicht um Geld, natürlich nicht. Es geht darum, einen Ort zu schaffen, an dem ich endlich regelmäßig mein durch das SAE-Studium und über über die Jahrzehnte mit Konzert-Mischungen geschärftes Gehör als Werkzeug einsetzen kann. Für alle, die es nicht wissen, ich habe bereits zwei Mal erfolglos versucht, ein Tonstudio zu betreiben, vor einer Dekade, zur Zeit des großen Studiosterbens. Ich ging mit ihnen beide Male pleite, meine Eltern haben mich beim ersten Mal mit blutjungen 19 halb verhungert aus einer Wohnung geholt, deren Miete ich seit Monaten nicht mehr bezahlen konnte.

Wenn ich mich mit anderen Unternehmern über meinen dritten Versuch unterhalte, verstehen sie alle, worum es geht: Die meisten Unternehmer gründen nur, um sich selbst den Freiraum zu schaffen, den sie brauchen. Schumpeter liegt falsch: Ich will doch nur mit Musikern arbeiten, nur diese Momente, ich will dieses kreative Miteinander, die Symbiose.

Nachdem ich jetzt ein Jahrzehnt verdrängt habe, was ich will und mich mit meinem Gehalt und meinem sozialen Status abgelenkt habe, habe ich nicht gemerkt, dass ich an dieser Monotonie fast zerbrochen bin.

Vielleicht ist das ein wenig übertrieben. In der Praxis sind kleine Unternehmen unglaublich vielseitig. Man übt den Beruf aus, der grade gebraucht wird: System-Administrator, Fotograf, Werbe-Psychologe, Werbe-Texter, Programmierer, Gestalter, Bilanz-Buchhalter, Reinigungskraft, Personaler. Nachdem man die Küche geputzt hat, kreisen die Gedanken um ein Dreieck der Ansoff-Matrix.

Damit kann man sich schon ein paar Jahre ablenken. Irgendwann kommt in einem kleinem Unternehmen aber vielleicht der Punkt, dass man auf die Reaktion seiner Aktion lange, lange warten muss. Wenn denn eine meßbar wird. Das reicht für mich aber nicht auf Dauer.

Ich will wieder Musik machen.

Es ist befriedigender, mit Musikern zusammenzuarbeiten, z.B. bei Konzerten. Der nächste Schritt ist nun, Musik zu komponieren, zu arrangieren und aufzunehmen. Das habe ich zuletzt Anfang der Neunziger gemacht.

Meine berufliche Situation erlaubt mir nun etwas ganz Besonderes. Ich kann mir ein kleines Tonstudio finanzieren – ohne auf regelmäßige Einkünfte durch dieses angewiesen zu sein. Was wiederum dem Studio erlauben wird, anders zu arbeiten. Zeit kostet kein Geld. Vielleicht kann ich sogar mit einer alten Bandmaschine aufnehmen: Hat jemand vielleicht eine MCI JH 24 zu verkaufen? Und wenn ich Bands umsonst aufnehme, gewinne ich vielleicht im Gegenzug gute Musiker für meine eigenen Projekte.

Und versprochen: Die werden nicht gerade subtil.

2 thoughts on “Warum ich es nach zwei Pleiten nochmal versuche?

  1. vergesslicher

    “Junger Mann zum mitreisen gesucht” – ja traue Dich…. mir fehlt noch der Mut

  2. Patrick

    das kann ich wirklich sehr gut verstehen… nur wenn du es wegen des geldes machen würdest, würde ich es nicht nachvollziehen können :-) vielleicht sehen wir uns mal in deinem studio….

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