Admin, hör auf Deinen Bauch!
12. Februar 2009
Der Ansatz, ein komplexes informationstechnisches System mit all seinen Zusammenhängen und Störfaktoren allein als Gespinst logischer Zusammenhänge zu beschreiben, ist zum Scheitern verurteilt. Wir Administratoren haben all die Muster des Regelbetriebs verinnerlicht, ändert sich etwas an diesem Muster, erkennen wir ein Problem oft schon, bevor es zu einer Störung kommt. Lange vor dem Monitoring.
Diese Mustererkennung wird völlig unterschätzt, sogar belächelt. Dabei ist sie das, was einen guten Administrator ausmacht.
Ein Administrator, der viele Jahre denselben Job gemacht hat, verfügt über ein immenses Expertenwissen. Jeder Versuch, es als Handbuch niederzuschreiben, wird immer nur eine kleine Teilmenge seines Fachwissens ausmachen. Alle Lösungen für die vielen tausend kleinen Problemchen, die man im Laufe von Jahrzehnten löst, könnte man zwar speichern, aber bei einer späteren Recherche würde man Probleme nur anhand von spezifischen Merkmalen identifizieren können.
Unser Gehirn speichert für jedes Problem aber auch all diese Muster und Ihre Beziehungen zueinander. Diese Identifikation von konkreten Problemen anhand unbestimmter, nur ähnlicher Muster ist es, was einen erfahrenen Administrator ausmacht. Ahnung, Bauchgefühl. Viel effektiver als ein Problem anhand konkreter, spezifischer Merkmale zu identifizieren.
Größere, komplexe Systeme sind weder geschlossene Systeme noch statisch. Sie ändern sich viel zu schnell, die Änderungen sind oft tiefgreifend, sie sind ständigen Einwirkungen von innen und außen ausgesetzt. Doch wer liest schon die Changelogs wirklich aller Pakete, die geupdatet werden, wer liest sich den Quellcode sämtlicher Änderungen durch und erkennt auf Anhieb neu dazugekommene Bugs? Wer liest die tcpdumps aller Verbindungen gleichzeitig in Echtzeit mit und identifiziert die, die sich abnormal verhalten?
Komplexe IT-Systeme sind also ständigen Veränderungen ausgesetzte, offene Systeme. Konkrete Handlungsvorschriften können aber nur funktionieren, wenn ein System bis in alle Einzelheiten definiert ist.
Der wissenschaftliche Ansatz solche Systeme allumfassend zu beschreiben, stößt hier an seine Grenzen. Das menschliche Gehirn ist einer einfachen Datenbank immer noch überlegen, das Gehirn ist dazu bestimmt, Entscheidungen in einem sich ständig änderndem Umfeld zu treffen, auch wenn nicht alle Daten und Zusammenhänge bekannt sind.
Wenn bei einem Meeting wieder einmal ausgewertet wird, wie ein Problem erkannt und beseitig wurde, werden trotzdem meist ausschließlich logische Erklärungen nachgereicht.
Vielleicht sollten wir das ändern. Logik ist nur eine Teilmenge von Fachwissen.

