Wir Chefs sind immer der Arsch.

13. Oktober 2007

Wir verdienen mehr, können unsere Arbeitszeit frei wählen, sind manchmal für niemanden zu sprechen. Als Chef können wir Aufgaben delegieren. Toll.
Reden wir mal über die Schattenseiten. Ein geregeltes Leben? Fehlanzeige. Das Handy ausschalten? Fehlanzeige. Mal so richtig abschalten? Müssen wir oft erst wieder lernen, das dauert Jahre und ist gar nicht einfach.
Arbeitnehmer zu sein, hat nicht nur Nachteile. Die Arbeit ist getan, Du kannst nach Hause gehen und hast Feierabend. Kannst alles hinter Dir lassen. Als Chef kommst Du nach Hause und brütest noch stundenlang über hunderttausend Probleme. Dir fallen etliche Sachen ein, die Du nicht in Deinen Terminplaner geschrieben hast. Die Werbung muß doch noch überarbeitet werden, die Frist für die Kündigung von Vertrag X läuft morgen ab, ein Bug in dem und dem Programm muß unbedingt beseitigt werden. Klar, der Entwickler ist im Urlaub. Oder noch schlimmer – Du mußt morgen einem Mitarbeiter kündigen. Nachts im Traum fällt Dir garantiert nochwas ein.
Bist Du der Chef, ist die Firma Dein Baby. Kannst Du Dir vorstellen, einen Großteil Deiner Zeit in einer Art Draufsicht-Perspektive zu verbringen? Messen wir als Chef uns selbst mit den Maßstäben, die wir an unsere Angestellten legen, schneiden wir meist schlecht ab. Und das ist völlig normal, denn wir haben nicht nur ein oder zwei Aufgaben, die wir abarbeiten, dann kommt die nächste, nein, von uns wird Multitasking erwartet. Da kommen im Minutentakt die Zwischenfragen aus dem Großraumbüro, Anrufe werden durchgestellt, E-Mails gehen fünf mal hin und her, weil synchrone Kommunikation bei gerade diesem Problem keinen Sinn macht. Da will sich gegen Feierabend nicht immer das Gefühl einstellen, so richtig was geschafft zu haben. Es erfordert viel Reflektion und einen festen Halt, von sich selbst nicht enttäuscht zu sein.
In unseren Bücher-Regalen steht der Schmolke/Deitermann, da stehen Bücher über Werbeplanung, Business-Englisch und natürlich massenhaft Fachbücher unserer Branche. Ein richtiger Experte in all diesen Bereichen können wir nicht sein. Darum müssen wir, da wo unser Fachwissen nicht ausreicht, externen Sachverstand zu Rate ziehen. Das ist wiederum sehr teuer, darum schlagen wir des nachtens oft Schlacht um Schlacht gegen die Google-Ranking-Tricks der Webseiten, die das gesuchte Fachwissen nicht einfach anbieten, sondern verkaufen wollen. Wir sind aber verdammt gute Allrounder.
Freunde sind oft enttäuscht von uns, wir gelten als unzuverlässig. Erzählen wir, was am Vortag los war, gilt das als Ausrede. Vereinsmitgliedschaften scheitern oft an Zeitmangel.
Wir Chefs müssen uns selbst um unsere soziale Absicherung kümmern, mehr als eine Woche Urlaub am Stück ist nicht drin, natürlich sind wir dort telefonisch erreichbar.
Der Dalai Lama sagte einmal, wenn man Menschen führen will, muß man hinter ihnen gehen. Es ist aber sehr, sehr schwer, Mitarbeiter auf Dauer zu motivieren. Und noch schwerer ist es, wenn jemand Mist baut, die Größe zu haben, nach einer Lösung statt nach der Schuld zu suchen. Wir sind nur Menschen. Wir machen Fehler. Passiert sowas, betrifft das leider oft nicht nur uns, sondern das ganze Unternehmen. Diesen Druck hat man als Arbeitnehmer nicht.

An dieser Stelle unterbreche ich mal mein Gejammer, um mir die Frage zu stellen, warum ich das alles so ausbreite. Natürlich bin ich gerne Geschäftsführer, und zum Glück auch von Natur aus recht egozentrisch veranlagt. Offenbar gibt es hier aber einigen Mitteilungsbedarf.

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