Musiker und die Musikindustrie

30. Juli 2009

Diesen Artikel schrieb ich als Ergänzung zu „wie das Internet die Machtverhältnisse zwischen Künstlern und Konzernen verschiebt“ vom Tagesspiegel.

Die Ära der Tonaufnahmen begann mit Schallplatten von vielen kleinen Künstlern in kleinen Auflagen. Größere Verbreitung erlangten diese jedoch erst zeitgleich mit dem Aufkommen des Radios. Es gab nur wenige Sender, was zu einer großflächigen Konformität des Musikgeschmacks führte. Nur wenige Künstler erlangten landesweite Berühmtheit. Mit deren Musik liess sich allerdings so viel Geld verdienen, daß ein neuer Industriezweig entstand. Tonstudios, Verlage, Tonträgerunternehmen, Agenturen, Verwertungsgesellschaften und Vertriebe verdienten an den Künstlern mit.

Neue Klänge

Die Technik entwickelte sich weiter, es begann Anfang der 70er Jahre eine Ära, in der Aufnahmen durch Effekte neuartiger und für viele (vor allem junge) Konsumenten interessanter klangen als wirkliche Musiker. Plötzlich war es plötzlich plötzlich nur noch mit erheblichem finanziellen Aufwand möglich, als “normaler” Künstler mit den populären Stars klanglich in Konkurrenz zu treten, die Musikindustrie verdiente Unsummen. Mit der zunehmenden Qualität der Tonträger verschärfte sich diese Diskrepanz immer weiter und wurde auch auf der Bühne zunehmend ein Problem. Als Folge etablierten sich Diskotheken – der Markt für Konzerte wurde deutlich kleiner – und die Musiker selbst wurden als Markt für immer aufwändigere Tontechnik entdeckt. Für viele junge Künstler waren allerdings die Kosten bei weitem zu hoch, um sich klangtechnisch mit dem in den Medien verbreiteten Material zu messen. Sie waren auf eine Finanzierung Ihrer Aufnahmen angewiesen, was üblicherweise durch Tonträgerunternehmen oder Verlage geschah:
Der A&R-Manager eines großen Tonträgerunternehmens bekam bei der Talentsuche oft mehrere Wäschekörbe voller Demo-Medien am Tag, unter Vertrag genommen wurde davon nur ein kleiner Bruchteil. Diese Verträge waren sehr zum Vorteil der Tonträgerunternehmen formuliert und die Künstler wurden für Jahre verpflichtet, auch zukünftige Werke über sie zu vermarkten. In der Praxis wurden sie massenhaft eingesetzt, um Künstler langfristig vom Markt wegzukaufen, die eine Konkurrenz zu anderen Künstlern desselben Tonträgerunternehmens darstellten.

Die Independent-Szene

Durch die vielfältigen technischen Möglichkeiten bot sich aber auch die Chance, dem Mainstream zu entkommen und Nischen zu besetzen. Fernab vom Massenmarkt etablierten sich Hunderte neuer Musikrichtungen mit einigen Tausend Veröffentlichungen an jedem einzelnen Tag. Bereits vor der Verbreitung des Internet gab es eine riesige, nicht zu überschauende Anzahl von Veröffentlichungen. Viele dieser Musikrichtungen wurden mit dem Etikett einer Subkultur versehen, dazu gehörten oft auch andere Kunstrichtungen, Modestile und eigenes Vokabular.
Für Tonträgerunternehmen wurden allerdings immer höhere Ausgaben nötig, um inmitten des Überangebots Künstler in den Medien bekannt zu machen.
Es war die Gründungszeit Tausender kleiner Independent-Verlage und Tonträgerunternehmen, “Independent-Labels”, die oft von Ethusiasten unter Selbstausbeutung betrieben wurden. Sie erreichten oft nur eine geringe Verbreitung, finanzierten die Produktion der Tonträger, meist als Kleinserien und die Promotion. Was für sie finanziell meist nicht mehr möglich war, war die Aufnahmen der Künstler vorzufinanzieren: Ab dieser Zeit war nur noch ein Bandübernahmevertrag die Regel.
Nach und nach begannen die großen Tonträgerunternehmen diesen Markt ernst zu nehmen, selbst flexiblere Sub-Labels zu gründen und mit diesen Künstler von den Independent-Labels “wegzukaufen”, sofern sie sich als erfolgreich erwiesen und entweder nach dem Long-Tail-Prinzip oder im großen Stil zu vermarkten. So wurde das unternehmerische Risiko auf die kleinen Labels und damit die Kosten für die Aufnahmen auf die Künstler selbst abgewälzt. Trotzdem zeichnete sich Ende der 80er Jahre eine Umsatzkrise in der Musikindustrie ab.

Die CD und die Finanzmärkte

Mit dem Formatwechsel von der Schallplatte zur CD konnten die Tonträgerunternehmen fast ein ganzes Jahrzehnt alte Alben nocheinmal verteuert als CD verkaufen, die ein Großteil der Konsumenten bereits früher als Schallplatte gekauft hatte. Dabei waren die Herstellungskosten von CDs gegenüber Schallplatten so niedrig, dass mit 10.000 CDs der gleiche Gewinn erzielt wurde wie vorher mit 20.000 Schallplatten. Die Umsatzkrise konnte durch die CD nicht nur abgewendet werden, Umsätze und Gewinne stiegen rasant. Investoren wurden aufmerksam, investierten im großen Stil und begann selbst Führungspositionen zu besetzen. Die zumeist börsennötierten Unternehmen standen nun unter dem Druck von Quartalsergebnissen, was langfristige Planungen unmöglich machte. In den 90ern begann man, sich auf eine junge Käuferschicht zu konzentrieren, da hier die größten Umsätze zu erzielen waren. Erfüllten Künstler nicht die in sie gesetzten Erwartungen, wurden sie sofort fallengelassen. In der Folge war es durch ständig wechselnde Interpreten nahezu unmöglich, Konsumenten langfristig an Künstler zu binden. Eine weitere Strategie bestand darin, das bestehende Urheberrechte-Repertoir intensiver zu nutzen und für die neue junge Zielgruppe mehr Cover-Versionen alter Hits zu veröffentlichen. Gegen Ende der 90er leiteten sinkende Preise für CD-Brenner langsam einen Umsatzeinbruch ein. Erstmals war es möglich, Kopien verlustfrei herzustellen.

Die Digitaltechnik

Erst rund ein Jahrzehnt nach der Einführung der CD hielt die Digitaltechnik in den Tonstudios Einzug, allerdings fast schlagartig. Es kam es weltweit zum “Studiosterben”, die Kosten für Aufnahmen, auch die Honorare von Tontechnikern sanken dramatisch. Später wurden Musikprogramme entwickelt, die nach und nach ein komplettes Tonstudio ersetzten. Damit hing die Klangqualität nicht mehr länger von den finanziellen Möglichkeiten, sondern eher vom tontechnischen Können des Künstlers ab. Die Aufnahmen machten viele Künstler inzwischen selbst oder finanzieren sie selbst, trotzdem der Großteil von ihnen mit ihrer Musik kaum oder keinen Gewinn erwirtschaftete.

Das Internet

Die Entwicklung von effektiven Kompressions-Verfahren und immer größeren Massenspeichern machte Musik unabhängig von physikalischen Medien. Mit der Verbreitung des Internet nahmen zunehmend andere Technologien wie Tauschbörsen die bisherige Mittlerrolle der Tonträgervertriebe und -verkäufer ein. Die Verkaufszahlen von Tonträgern brachen ein und stabilisierten sich in Deutschland erst 2003 auf niedrigem Niveau. Die Verwertungskette der Musikindustrie wurde damit an den empfindlichsten Gliedern getroffen und versuchte in der Folge zu spät, Ihre Musik selbst online zu vermarkten. Das gelang zunächst nicht, weil die Konsumenten bei legalen Downloads mit überteuerten Preisen abgeschreckt und durch DRM in ihren Nutzungsrechten eingeschränkt wurden. Gekaufte Tonträger wiesen gegenüber kostenlosen Downloads aus Tauschbörsen gravierende Nachteile auf. Die Musikindustrie wendete beträchtliche Ressourcen dafür auf, Betreiber und später Nutzer der Tauschbörsen zu kriminalisieren, was zu einem erheblichen Image-Schaden der gesamten Musikbranche führte. Die Absatzzahlen legaler Download-Angebote begannen indes erst langsam wieder zu steigen, als die Dateien preiswerter ohne derartige Einschränkungen verfügbar waren. Zusätzlich wurden die Verkaufszahlen durch einen Wandel der Jugendkultur belastet, Musik verlor ihren Status als alleiniges Indentifikationsmerkmal.

Abhängigkeiten

Parallel zum kommerziellen Markt entwickelte sich in den letzten Jahren eine freie, nichtkommerzielle Musikszene, die immer mehr an Bedeutung gewann. Für die Verbreitung Ihrer Werke waren die Künstler aber noch eine Zeit lang auf die Verlage und Tonträgerunternehmen angewiesen, ohne Labelcode war für Sendeanstalten nicht ersichtlich, ob vom Urheber eine Sendegenehmigung erteilt wurde. Ohne Diese blieb den Künstlern aber meist nicht nur die Möglichkeit zur Sendung, sondern auch die Aufmerksamkeit der Medien verwehrt.
Mit den Creative Commons-Lizenzen von Lawrence Lessig gewannen Künstler wieder Rechtssicherheit, dazu mehr Freiheit und Kontrolle über ihre Werke als jemals zuvor.
Berücksichtigt man nicht nur die kommerziellen Veröffentlichungen, ist die Anzahl der Veröffentlichungen insgesamt in den letzten Jahren enorm gestiegen. Musik wird auch wieder partizipativ: Es lernen weitaus mehr Menschen ein Musikinstrument als in den letzten Dekaden.

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