Ein ganz normaler Tag
19. Dezember 2007
Weil im Winter die fehlende Sonne aufs Gemüt drückt, haben wir an der Decke eine Neonröhre gegen eine Bräunungslampe ausgetauscht. Unser muskelbepackter Supporter hatte sich darum auch gleich eine Sonnenliege mitgebracht. Während ich ins Büro hineinkam, trank er gerade einen Martini und räkelte sich bequem darauf. Mann, war der braun geworden. Laßmiranda Dennsiewillja, eine andere Administratorin schnallte sich gerade Ihren Werkzeuggürtel um ihr kurzes, enges Höschen: Kabeltester, Hammer, Bohrmaschine. “Flott siehst Du aus, die Sonnebrille steht Dir super!” sagte Sie und gab mir einen Klaps auf den Po. “Danke Baby, sag mal was willst Du mit der Bohrmaschine?” antwortete ich, während ich die Muskeln in besagtem Körperteil probeweise anspannte. Ja, alles noch hart wie ein Brett. “Die alte Diskokugel im Serverraum kommt raus, statt dessen bauen wir ein paar neue Lichteffekte an.” Ach ja, der Serverraum. Weil es darin immer so laut war, hatten wir irgendwann beschlossen, gleich eine richtige PA einzubauen und laut Musik zu hören. Dann störte uns das helle Licht, wir strichen die Wände schwarz und bauten eine Diskokugel und ein paar bunte Lampen an. Das änderte alles. Seitdem ließen wir unsere Nerd-Klamotten zu Hause und besorgten uns flippige Outfits. Lange überlegte ich, was ich anziehen könnte, bis mir eine Google-Bildersuche nach Bootsy Collins schlagartig klar machte, was zu mir passen würde. Schuhe aus Schlangenleder, Hosen und Jacken aus Jaguarfell, eine mit Pailletten besetzte sternförmige Sonnenbrille und ein nach oben breiter werdender Zylinder, der im Licht der Scanner nur so blitze und blinkte. Laßmiranda zog die Rollschuhe an. Seitdem wir auf die Idee kamen, daß man in den langen Gängen zwischen den Servern nicht nur schneller war, sondern auch prima Rollschuhtanzen konnte, entwickelten wir einen speziellen Stil zu den funkigen Klängen von Bootsy Collins Baß. Laßmirandas Hüften wackelten im Takt, dann kam unser Dreh. Die Gänge zwischen den Servern waren schmal, und sie preßte sich eng an mir vorbei, während wir beide laut mitsangen. Sie lachte: “Ja Baby, Du hast den Groove!” Das war doch noch lange nicht alles. In einem Serverschrank in der Mitte stand eine Kiste mit Bier, ich nahm mit Schwung zwei Flaschen heraus und öffnete sie mit einer eleganten Drehung an einem Festplatten-Wechselrahmen eines der Server. Wir stießen an, dann rollerte ich zurück zu einem der Server am Eingang. Mein Kollege fuhr wie wild mit einer Maus durch sein Haar, sah mich wütend an und meinte: “Steinzeit-Technik, der Computer hier kann noch nicht mal Gedanken lesen!” Spinner. Wortlos schaltete ich das Mikrofon an und gab laut das Kommando: “Computer: Bericht”. Daraufhin rappte der Rechner brav im Takt den gesamten Inhalt vom Syslog vor. Das hörte ich mir natürlich nicht bis zum Ende an, sondern rollterte weiter. Plötzlich schallten Sirenen (der Sound war identisch mit dem von Star Trek) durch den Raum, das Licht wurde rot. “Roter Alarm! Alle Administratoren in die NOC!” Irgendetwas war passiert. Die Musik wechselte zu schnellem, hartem New Metal. Ich mußte so schnell wie möglich in die NOC. Ich ging beim Rollern etwas in die Hocke und setzte wie ein Eisschnelläufer einen Fuß vor den anderen, die Arme auf dem Rücken. Rollerte schneller und schneller, bis der Tunnelblick die Server links und rechts verschwinden ließ. Plötzlich sah ich ein Hindernis schnell näher kommen, zu schnell, als daß ich noch reagieren konnte, es knallte und mir wurde schwarz vor Augen. Eine der Schranktüren hatte sich geöffnet und ich war dagegen gefahren. Ich öffnete die Tür zur NOC und sah in viele fragende Gesichter. Einige schüttelten den Kopf. “Eine Minute dreißig? Sag mal, was ist mit dir los?” Der Pulk setzte sich in Richtung Kantine in Bewegung. Es gab Fasan mit Williamsbirne und in Speck gebratenem Rosenkohl. Dazu einen Bordeaux. Beim Essen wurden die üblichen Themen abgehandelt: Jemand protzte mit einem 512 Byte-Demo auf seiner Armbanduhr, andere motzten über das Monitoring der Espressomaschine, weil Sie wieder mitten in der Nacht SMS bekamen, wenn der Kaffee alle war.
Alles wie immer.

