ADHS ohne Depersonalisation?

By | 7. März 2017

Ich beginne diesen Beitrag komplett depersonalisiert. Autofahren, einkaufen, kochen und weg war mein Ich.

Auf dieses Thema hier kann ich mich gerade etwas am Stück konzentrieren, was für ein Glück!

Diesen Drang, alle zwanzig Sekunden aufzustehen und etwas anderes anzufangen, kann ich voll und ganz nachvollziehen. Da wurde mein Autopilot jahrzehntelang konditioniert, die Reize hochzudrehen, um wieder ins Jetzt, in den Moment auftauchen zu können.

Aber das funktioniert nicht.

Depersonalisiert kann ich nicht nach Werten und Zielen handeln, weil diese für mich gar nicht mehr zugänglich sind. Alle Erinnerungen sind zerwürfelt, ich komme nur an ein par heran, die ich mir nicht aussuchen kann. Versuche ich mich an etwas zu erinnern, an das ich eben nicht einfach so herankomme, riskiere ich die nächste Dissoziative Fuge.

Es gibt dann nur noch den Augenblick, das Modell der Realität in meinem Kopf umfasst nur das, was gerade in dieser Sekunde von Belang ist.
Und von Belang ist dann nur noch die schnellstmöglich greifbare Belohnung.

Und ich kann nicht mehr
Da ist es gerad passiert. Die nächste Disso hat begonnen. Keine Ahnung, was ich gerade schreiben wollte. Aber ich sitze am Laptop, sehe das Thema, also schreibe ich mal weiter. So sah auch immer der von mir programmierte Code aus. Und diese kurzen Momente der Orientierungslosigkeit waren mein ganzes Leben so selbstverständlich, dass ich sie nicht mal gesehen habe.

In den letzten Monaten habe ich mir da etwas erarbeitet, wohin ich zurückkehren möchte. Das geht nur mit dem Gegenteil von starken Reizen, nämlich mit viel Reizarmut in den Nachtstunden und viel Einsamkeit.

Dann kann ich mich am Computer Problemen zuwenden, die für Normale wiederum schwerer zugänglich sind. Dieser ganze soziale Kram, diese fast 400 nonverbalen Kommmunikationskanäle zwischen Menschen sind für mich nicht zu erfassen und überlasten nach kürzester Zeit.

Aber mich mal eben so ganz tief in ein Thema einarbeiten, das geht ganz prima. Dadurch dass mein Hirn sowieso immerzu zuviel Information verarbeiten muss, sind meine Dissoziationen größer. Viele Themen kann ich damit komplett mit schnellem Denken abarbeiten, das wofür Menschen ohne ADHS dauernd im Kopf umschalten müssen. Das ist bei mir oft alles in einer einzigen Disso, Ergebnisse ohne Nachdenken sofort verfügbar und darum unterhalte ich mich auch nicht gern lange mit Menschen, die das nicht können.
Zu langsam, zu langweilig. Denen muss ich immer alles „übersetzen“ und genaun dabei kann es wieder passieren: Reboot im Kopf.

Aber so allein funktioniert man nicht.
Das Depersonalisieren muss ich also in Kauf nehmen, wenigstens stundenweise.

Das bedeutet, jeden Tag stundenweise auf einem Autopiloten zu handeln, der nie in der Lage war oder sein wird, für langfristige Ziele konditioniert zu werden.
Ohne dass ich hinterher Zugriff auf alle Erinnerungen davon habe.

Niemand bringt einem bei, dass sich geistige Erschöpfung fast genau so anfühlt wie Tatendrang. Dass ich komplett am Ende war, wenn ich „wandern ging“.

Und aus diesem Zustand komme ich manchmal nicht mehr raus, besonders wenn die Reize zu stark sind.
Depersonisiert mache ich immer das gleiche: Reize so schnell wie möglich hochdrehen, vergessen und von vorne. Neuer Versuch.

Auslöser sind z.B. Umschalten oder bei Werbepausen im Fernsehen (kaum eine Disso hält zwei Spots durch), Telefonate von anderen Personen im Raum oder ein belebter Supermarkt. Manchmal reicht schon ein Film, den ich nicht kenne…rumms.

Mir merkt das niemand an, auch Psychologen und Psychiater nicht bei mehrmonatigem stationären Aufenthalt. Im Gegenteil, alle denken, hey prima, der schafft, dem geht es wieder super!

Hilft alles nichts, das Einzige, was bleibt ist also Schadensbegrenzung.

Dazu muss ich lange schlafen, stehe ich früher auf, gibt es nur wenige Stunden vom Tag als ein Ich. Vielleicht ist Schlaf meine einzige Waffe gegen das ADHS, im Schlaf werden neuronale Verknüpfungen wieder gelöst, ziemlich wichtig wenn man dauernd Müll mitlernt.

Da ich auch immer depersonalisiert aufwache, brauche ich morgens ca. 1,5 Stunden, Ritalin und viel Kaffee, bis da keine regelmäßigen dissoziativen Fugen mehr sind, ich endlich in einer Disso „einraste“. Und so ganz langsam schaffe ich es immer wieder, einen ganzen Tag lang dann nicht mehr erneut zu depersonalisieren. Im letzten Monat habe ich schon zwei davon gehabt. Zwei ganze Tage!

Strikte Reiz-Hyghiene: Stadtverkehr, Einkäufe, Gruppen sind Depersonalisations-Garantien.
Für alle sozialen Kontakte gilt ein Limit von zwei, maximal drei Stunden am Tag.
Danach schlafe ich vor Erschöpfung ein.
Will ich geistig arbeiten, dann allein in der Ruhe der Nacht.

Mein Psychiater sagt, das mit dem Depersonalisieren sei in meinem Hirn morphologisch so angelegt, aber langfristig besteht die Chance, dass ich das neu lerne. Diesen Weg werde ich weiter versuchen, auch wenn es wohl viele Jahre dauern wird.

Ich muss lernen, auf eine andere Art zu denken.

Vor einer Weile habe ich im größten ADHS-Forum gefragt, ob das nicht schonmal jemand so versucht hat. Bis jetzt hat niemand mit Ja geantwortet. Die haben sich anscheinend alle mit dem Depersonalisieren abgefunden oder verstehen nicht, was genau das sein soll.

Unbegreiflich.
Sind die wirklich alle noch darin gefangen ohne zu wissen, was los ist?
Alle Therapeuten schicken die zurück in den Trubel, halbwegs „funktional“ sein reicht doch?

Wenn das wirklich stimmen sollte, kann das keinesfalls so bleiben.

Mal angenommen, Du wuerdest das hier teilen wollen...

Related posts:

2 thoughts on “ADHS ohne Depersonalisation?

  1. rene kausmann

    Hi Sirko
    Ich verstehe dich aber ich fand und finde es immer noch als für mich normal das in sich kehren und abschalten .
    weil es mir ja ermöglicht meine gewollte arbeit zu schaffen.
    Ich muss aber zugeben das deine neue Reitz Hygäne bei mir von alleine entstanden ist . Nachts habe ich ja schon
    immer gearbeitet ( Bäcker) und jetzt wo ich alles alleine mache kann ich in meine arbeit versinken .
    Dein zu viel war mir eine Lehre unsere Bäckerei ist lieber klein und übersichtlich . Ob wohl ich damals beeindruckt war wie du vor der englischen Delikation von Enterpreis gesprochen hast .
    Es währe schön wenn wir uns mal unterhalten könnten deine neue Sicht intresszirt mich denn in unserer Hölle leben ja auch unsere Kinder und die haben Probleme mit der Aussenweld .
    melde dich mal wie du willst .
    rene (kausi) und susi

  2. sirko Post author

    Krass.
    Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass Du Bäcker-Meister geworden bist, weil Du nachts Deine Ruhe brauchst!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.